Umgang mit unsicheren Personen vor der Kamera

Mittwoch, 29. Juni 2016 | 10 Kommentare

Als Fotograf muss man vor allem lernen mit einem umzugehen: Unsichere Personen. 
Die wenigsten Personen fühlen sich von Anfang an wohl, wenn sie vor einer fremden Kamera stehen. Selbst Models, die schon öfter von verschiedenen Fotografen fotografiert wurden, sind nicht immer von Anfang an ganz selbstbewusst. Noch mehr natürlich Kunden. Wie oft bekomme ich Anfragen, in denen die Kunden mir sagen, dass sie gar nicht sicher sind, ob sie sich trauen, ein Shooting zu machen. 

Und das ist ja auch kein Wunder - man ist vor dem Shooting aufgeregt, weil man nicht genau weiß, was einen erwartet. Man soll möglichst natürlich sein (zumindest bei meiner Art von Fotografie), aber es ist schon ziemlich schwer, vor einer Person die man erst seit 5 Minuten kennt, ganz locker zu posieren und zu lächeln. Fotografiert werden heißt auch immer sich ein Stück weit öffnen und das ist nicht leicht. Hand aufs Herz - das würde uns genau so gehen. 

Als Fotografin sehe ich mich in der Pflicht, dem Kunden oder Model das Fotografiert-werden so leicht wie möglich zu machen. Ich versuche durch verschiedene Dinge den Kunden die Aufregung zu nehmen. Die für mich wichtigsten Punkte habe ich hier mal zusammen gefasst. 


1. Die Planung des Shootings - Sorgen im Vorhinein nehmen

Wenn das Shooting geplant wird, versuche ich meinem Kunden oder meinem Model immer schon so detailliert wie möglich zu erklären, was sie erwarten wird. Das heißt, ich beschreibe einmal grob, wie so ein Shooting bei mir abläuft, ich weise darauf hin, dass Kleidung gewechselt werden kann, ich sage, dass ich Anweisungen geben werde. Ich bin immer für Fragen da und ermutige meine Kunden immer, mir alle Fragen, die sie haben zu stellen. So können sie zumindest erst einmal beruhigt zum Shooting fahren. 

2. Erwartungen von Anfang an klären

Ganz oft höre ich vor einem Shooting so etwas wie "oh Gott, ich bin so unfotogen!"- "Du fotografierst nur Models oder?" Beides ist natürlich Schwachsinn. Nein, natürlich fotografiere ich nicht nur Models. In Wirklichkeit fotografiere ich ziemlich selten Models, sondern eher Menschen, die nur ganz selten bis noch nie vor der Kamera standen. Und zum Thema unfotogen sage ich immer - aus meiner Sicht ist niemand unfotogen. Mein Job als Fotograf ist es, Anhaltspunkte und Tipps zu geben und letztendlich vor allem so zu fotografieren, dass die Person gut aussieht. 
Gelingt das nicht, würde ich eher behaupten, dass ich als Fotografin etwas falsch gemacht habe, als dass der Kunde unfotogen war. 
Das sage ich auch meinen Kunden und Models, damit sie nicht denken, ich hätte zu hohe Erwartungen an die Person vor der Kamera.


3. Der Fotograf als Entertainer

Fast das Wichtigste für mich beim Shooting: ich bin nicht nur Fotografin. Ich bin Entertainer. Von der ersten Minute des Shootings an bin ich dafür verantwortlich, dass gute Stimmung ist. Man muss sich ein bisschen kennen lernen und eine Basis des Vertrauens schaffen. Das geht nicht, indem ich  als Fotograf grimmig vor mich hin starre und nichts sage. Ich stelle Fragen und unterhalte mich - nicht übertrieben aufgedreht sondern ruhig und meinen Kunden gegenüber angemessen - ich passe mich an. Natürlich rede ich mit einer Gruppe Mädels anders als mit einem Arbeitnehmer, von dem ich ein Businessportrait mache. Indem ich das Gespräch suche, nehme ich den Kunden vielleicht ein bisschen die Aufregung. 
Ein ganz wichtiger psychologischer Punkt ist, dass Personen gerne spiegeln. Das betrifft nicht nur die Fotografie, sondern ganz viele zwischenmenschliche Bereiche. In ziemlich vereinfachter Form (um hier nicht den Rahmen zu sprengen) heißt das, dass Menschen sich (unbewusst) so verhalten wie ihr Gegenüber. 
Als Fotografin heißt das für mich, dass ich mit gutem Beispiel voran gehe. Möchte ich ein lachendes Portrait, das vor Energie nur so sprudelt, erzähle ich lustige Geschichten und lache vielleicht selber zwischendurch auch mit. Möchte ich ein ganz ruhiges, emotionales Portrait, rede ich leise und ruhiger und bin generell etwas ernster. In dieser Art schaffe ich es, meinen Bildern die gewünschte Stimmung zu geben. 


4. Anweisungen geben 

Zu diesem Punkt muss ich nicht viel sagen, das erklärt sich von selbst - ich muss als Fotografin Posing Anweisungen geben. Insbesondere am Anfang des Shootings gebe ich meinen Kunden viele Hilfestellungen, wie sie gucken, wo sie ihre Hände platzieren sollen und wie sie gucken sollen. Nach der Zeit wird das dann meist etwas weniger - da versuche ich immer ein bisschen ein Gefühl zu entwickeln, wie sehr die Kunden genaue Anweisungen haben oder inwieweit sie auch von selbst aus schon Posen anbieten. 
Meine Fotos sind natürlich und möglichst ungestellt, daher lasse ich immer ein bisschen Freiraum ohne die Kunden komplett auf sich allein gestellt zu lassen. 

5. Positive Kommunikation & Motivation

Wichtig ist natürlich, Kunden zu motivieren. Sich sage zwischendurch immer wieder was mir gut gefällt. Positive Kommunikation ist hier das Stichwort. Ich meckere nicht an dem Negativen, sondern betone das Positive. Wenn mein Kunde nach rechts schaut, ich es aber schöner finde, wenn er in die Kamera schaut, sage ich nicht "nee, das sieht blöd aus, wenn Du nach rechts guckst" sondern "schau mal bitte noch einmal direkt in die Kamera, das sieht schön aus". So weiß der Kunde auch schon direkt, was er machen soll und hat das Gefühl, dass schöne Bilder entstehen. 
Damit mein Kunde nicht nur das Gefühl hat, dass die Bilder gut werden, nutze ich bei Locationwechseln immer wieder die Gelegenheit, die Fotos zu zeigen. Insbesondere am Anfang des Shootings ist es mir wichtig, erste Ergebnisse zu zeigen und eventuell zu besprechen, was noch verändert werden kann.


Mit diesen Punkten schaffe ich es meist, eine gute Stimmung bei meinen Shootings zu haben und meinem Gegenüber das Fotografiert-werden hoffentlich so einfach wie möglich zu machen. 
Vielleicht war der Post ja für den einen oder anderen von Euch interessant und ihr konntet noch etwas von mir lernen. Lasst mich wissen, wie der Post Euch gefallen hat :)

Mehr Fototipps findest Du >hier<

10 liebe Kommentare ♥

» Cleo Schreibwelt | 29. Juni 2016 um 20:19

Toller Post. Ruhig mehr davon
kiss, cleo
www.creativschreiben.blogspot.com

» Selly | 30. Juni 2016 um 13:41

Ich liebe deine Tipps. ♥
Meine Freundin war am Anfang auch unheimlich unsicher vor der Kamera und dieses Unwohlsein hat man auf jedem der Bilder gesehen. Mittlerweile konnte ich ihr dies zum Glück nehmen. :)

Alles Liebe
Selly
von SellysSecrets || Instagram

» Christine | 30. Juni 2016 um 19:23

Unsichere Personen vor der Kamera sind immer so eine Sache. Letztlich bin ich froh, dass ich mittlerweile doch erfahrenere Leute vor der Kamera habe...
Aber die Erfahrungen aus der Anfangszeit haben auch definitiv mich weiter gebracht und dafür gesorgt, dass ich mich entwickle.

» kuhnographphotography | 1. Juli 2016 um 14:25

Sehr schöne Tipps perfekt zusammengefasst! Auch wenn ich viele schon selbst anwende, man lernt nie aus ;-)
lg und schönes WE
Markus

» Calli | 2. Juli 2016 um 14:25

Sehr interessanter Post! Richtig gut gestaltet :)
Liebste Grüße, Calli ♥♥
http://sparklingforstars.blogspot.de/

» bknicole | 2. Juli 2016 um 15:58

Wirklich tolle Tipps, die ich auch sehr wichtig finde. Gerade das aufbauen von Vertrauen, das nehmen der Angst und die Anweisungen sind immer sehr wichtig. Ich habe ja auch ab und an schon Freunde fotografiert und da auch gemerkt, dass sie obwohl wir uns kennen, trotzdem unsicher vor der Kamera sind. Möchte aber in nächster Zeit gerne mich noch etwas öfter am lebenden Objekt ausprobieren und ein paar Shootings mit Freunden machen.

Danke auch für dein liebes Kommentar.
Das freut mich zu hören <3. Dein Studiengang und Job hören sich auch sehr interessant an, somit würde ich mich über einen Post dazu wirklich sehr freuen. Kann mir auch sehr gut vorstellen, dass du viel Spaß bei deiner Arbeit hast.

» Lena | 2. Juli 2016 um 15:59

Wirklich tolle Tipps! Besonders den 3. und 4. finde ich interessant. Ich habe bisher fast ausschließlich Selbstportraits fotografiert, probiere mich jetzt aber auch mal an der ein oder anderen Freundin aus. Mir ist aufgefallen, dass es mir sehr schwer fällt, Posing-Anweisungen zu geben. Ich selber mache immer einfach und sehe dann, was gut aussieht. Aber das einer anderen Person so zu kommunizieren finde ich noch sehr schwierig. Aber man lernt ja.. :)

Liebe Grüße

» Tabea | 2. Juli 2016 um 17:17

Deine Tipps klingen wirklich gut - mal sehen ob ich meine Schwester mal zu einem Shooting überreden kann und das an ihr ausprobieren kann. Denn ich fotografiere ja so gut wie nie Menschen und wenn, dann nur auf Feiern, wo sie nicht posieren (Geburtstage,...).

Deine Einstellung, dass der Fotograf dafür verantwortlich ist, dass der abgebildete gut aussieht, finde ich total klasse! Vielleicht sollte ich das mal im Hinterkopf behalten, wenn ich das nächste Mal vor einer Kamera stehe? :)

Liebe Grüße

» Saskia von P. | 3. Juli 2016 um 10:15

Schöne Tipps!

» Sunny blossom photography | 28. Juli 2016 um 09:32

Super! ❤️

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